Modul 2: Geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) verstehen
📖 Kapitelüberblick
Willkommen & emotionale Sicherheit
Willkommen zu diesem Modul über das Verständnis geschlechtsspezifischer Gewalt. Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein komplexes Phänomen mit vielfältigen, sich überschneidenden Erscheinungsformen. Wie Sie in diesem Kapitel erfahren werden, ist sie jedoch alarmierend weit verbreitet. Angesichts dessen und des Potenzials dieses Themas, schmerzhafte Erinnerungen oder Emotionen auszulösen, achten Sie bitte auf Selbstfürsorge, während Sie sich mit den Inhalten dieses Kapitels und des gesamten Kurses vertraut machen. Dies kann bedeuten, Pausen einzulegen und zu einem Zeitpunkt zurückzukehren, an dem Sie sich emotional und mental besser vorbereitet fühlen, sowie das Lerntempo an Ihre eigenen Bedürfnisse anzupassen.
Das Verständnis geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV) ist zentral für Ihre Rolle als Fachkraft der Jugendarbeit. Junge Menschen, insbesondere heranwachsende Mädchen und genderdiverse Jugendliche, sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, verschiedene Formen von GBV zu erleben – von körperlicher und sexueller Gewalt bis hin zu psychischem Missbrauch und digitaler Belästigung. Studien zeigen, dass etwa jede dritte Frau in der EU im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren hat (FRA, 2024). Zudem weisen aktuelle Daten auf steigende Raten von Cybergewalt unter jungen Menschen hin (EIGE, 2022).
Fachkräfte der Jugendarbeit wirken in non-formalen Bildungssettings, die besondere Möglichkeiten zur Primärprävention bieten – einem Ansatz, der Gewalt vorbeugt, bevor sie entsteht, indem Ursachen wie schädliche Geschlechternormen und Machtungleichgewichte adressiert werden (WHO, 2019). Durch reflektierte Bildungsangebote und offene Gespräche können Sie das Verständnis junger Menschen für Respekt, Gleichberechtigung und Einwilligung fördern.
Darüber hinaus spielen Sie eine entscheidende Rolle bei der Erkennung und angemessenen Reaktion auf Fälle von GBV. Die Fähigkeit, Anzeichen von Gewalt zu erkennen, erste Unterstützung zu leisten und sichere Weiterverweisungsverfahren anzuwenden, kann einen erheblichen Unterschied im Leben eines jungen Menschen bewirken. Dazu gehören klare Prozesse, um ethisch und verantwortungsvoll zu handeln, wenn GBV vermutet oder offengelegt wird (Europarat, 2011).
Eine fundierte Wissensbasis zu GBV befähigt Sie zudem, andere Fachkräfte sowie Erwachsene in Ihrer Gemeinschaft – einschließlich Kolleginnen und Kollegen und möglicherweise auch sich selbst – zu unterstützen. Sie trägt zu einer Kultur der Sicherheit, Verantwortung und Fürsorge im beruflichen wie im persönlichen Umfeld bei.
Über Gewalt zu sprechen kann sich zunächst unangenehm oder sogar beängstigend anfühlen. Doch darüber zu lernen bedeutet auch, mehr über uns selbst zu erfahren – über unseren Körper, unsere Gefühle, unsere Gedanken und darüber, wie wir mit anderen in Beziehung treten. Geschlechtsspezifische Gewalt geschieht nicht nur „anderswo“. Sie kann junge Menschen auf vielfältige Weise betreffen und in unterschiedlichen Beziehungen auftreten – zwischen Personen, die eine Beziehung führen, Freundinnen und Freunden, Mitschülerinnen und Mitschülern, Lehrkräften, Familienmitgliedern oder auch Fremden. Sie kann zudem in Lebensbereichen auftreten, in denen wir viel Zeit verbringen – etwa in der Schule, im Sportverein, in Jugendzentren oder online.
Wenn wir uns mit GBV befassen, lernen wir Anzeichen ungesunden oder unsicheren Verhaltens zu erkennen – wie Kontrolle, Druck, Angst oder Respektlosigkeit. Dieses Wissen hilft uns, problematische Situationen im eigenen Umfeld oder im Leben anderer wahrzunehmen und angemessen zu reagieren oder Unterstützung zu suchen.
Technologie und soziale Medien sind ein fester Bestandteil unseres Alltags, können jedoch auch genutzt werden, um andere zu verletzen oder zu kontrollieren – etwa durch Online-Belästigung, unerwünschte Nachrichten oder das Weitergeben privater Bilder ohne Zustimmung. Deshalb ist es besonders wichtig, die eigenen Rechte zu kennen und selbstbewusst Grenzen zu setzen – online wie offline.
Offen über Gewalt zu sprechen bedeutet auch, sicherere Gemeinschaften zu schaffen. Es geht darum, auf das eigene Wohlbefinden zu achten und andere zu unterstützen. Schon kleine Handlungen – etwa einer Freundin oder einem Freund zuzuhören, für jemanden einzustehen oder schädliche Witze zu hinterfragen – können viel bewirken. Wenn wir Gewalt verstehen, können wir dazu beitragen, sie zu verhindern und solidarisch zu handeln.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Gespräche mit jungen Menschen über gesunde Beziehungen, Respekt und Sicherheit – insbesondere in schulischen und außerschulischen Kontexten – dazu beitragen können, Gewalt vorzubeugen und das Wohlbefinden aller zu fördern (UNESCO, 2018).
Lernziele des Kapitels
Lernziele des Kapitels Am Ende dieses Moduls werden Sie in der Lage sein:
🧬 Einheit 1: Was ist geschlechtsspezifische Gewalt?
Geschlecht verstehen
Bevor wir uns mit Definitionen geschlechtsspezifischer Gewalt befassen, ist es wichtig zu klären, was wir unter Geschlecht verstehen. Geschlecht wird häufig auf binäre Kategorien (männlich/weiblich) reduziert, umfasst jedoch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Dimensionen, darunter Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck, biologisches Geschlecht und Anziehung (Killermann, 2013). Die Klärung dieser Konzepte hilft dabei, stereotype Vorstellungen zu überwinden und zu erkennen, wie starre Geschlechternormen und Missverständnisse zu Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung beitragen können. Wie der Europarat feststellt, ist GBV in ungleichen Machtverhältnissen und sozial konstruierten Geschlechterrollen verwurzelt (Council of Europe, 2011). Daher ist ein gemeinsames Verständnis von Geschlecht eine wesentliche Grundlage. Um dieses Verständnis zu erreichen, können wir die „Genderbread Person“ nutzen. Dieses visuelle Modell verdeutlicht, dass Geschlecht keine einzelne, starre Kategorie ist, sondern sich aus verschiedenen Aspekten zusammensetzt: Geschlechtsidentität (wie wir uns selbst wahrnehmen), Geschlechtsausdruck (wie wir uns durch Kleidung, Verhalten oder Stimme präsentieren), biologisches Geschlecht (körperliche Merkmale bei der Geburt) und Anziehung (zu wem wir uns romantisch oder sexuell hingezogen fühlen). Diese Dimensionen existieren auf Spektren und nicht in festen Kategorien wie „männlich“ oder „weiblich“. Dieses Modell zeigt, dass jede Person eine individuelle Geschlechtererfahrung hat und dass Annahmen auf Basis von Erscheinungsbild oder Stereotypen irreführend und schädlich sein können.
Die Komplexität von Geschlecht zu verstehen, trägt dazu bei, die Dynamiken geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV) besser zu erfassen. GBV findet in einem Kontext systemischer Ungleichheiten und patriarchaler Machtverhältnisse statt. Betroffene werden aufgrund ihres Geschlechts gezielt angegriffen, wobei Frauen und Mädchen überproportional betroffen sind (WHO, 2019). Gleichzeitig können auch Personen, die traditionelle Geschlechternormen infrage stellen – etwa Mitglieder der LGBTIQA+-Community – Ziel von Gewalt werden, weil ihre Geschlechtsidentität, ihr wahrgenommenes Geschlecht oder ihr Geschlechtsausdruck von gesellschaftlichen Erwartungen abweichen. Diese Gewalt wurzelt häufig im Versuch, binäre oder stereotype Vorstellungen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ durchzusetzen (EIGE, 2022). Auch Gewalt von Männern gegen andere Männer kann geschlechtsspezifische Dimensionen haben, etwa wenn hegemoniale Männlichkeit behauptet werden soll (Perry, 2005; Silberschmidt, 2001). Ein multidimensionales Verständnis von Geschlecht macht deutlich, dass GBV vor allem Frauen und Mädchen betrifft, aber auch Menschen mit vielfältigen Geschlechtsidentitäten und -ausdrücken, insbesondere wenn sie marginalisiert oder stigmatisiert werden (Council of Europe, 2011; EIGE, 2022). Bitte behalten Sie im Hinterkopf: Einige Gruppen sind einem höheren Risiko ausgesetzt, GBV zu erleben – dennoch kann grundsätzlich jede Person von Gewalt betroffen sein.
Ein weiteres wichtiges Konzept im Zusammenhang mit GBV ist die Intersektionalität. Dieser Begriff wurde 1989 von Kimberlé Crenshaw geprägt und beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen wie Sexismus, Altersdiskriminierung, Klassismus, Rassismus und weiterer Mechanismen. Im Kontext von GBV ist es wichtig zu verstehen, dass Geschlecht mit anderen Identitätsmerkmalen interagiert und dadurch spezifische, sich überschneidende Verwundbarkeiten und Gewalterfahrungen entstehen können. Ein Beispiel hierfür ist das Zusammenwirken von Geschlecht und Migrationsstatus, das die Anfälligkeit für Gewalt in Partnerschaften (IPV) bei Migrantinnen erhöhen kann, wenn diese für ihren Aufenthaltsstatus vom Partner abhängig sind (Jelenic, 2019).
Die wichtigste Zahl, die Sie im Hinterkopf behalten sollten, lautet: Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt. Sehr häufig findet diese Gewalt bereits früh im Leben statt und wird von (ehemaligen) Intimpartnern ausgeübt.
Betrachtet man relevante Überschneidungen, liefern aktuelle Daten der FRA Einblicke in Diskriminierungserfahrungen von LGBTIQA+-Personen – mit besonderem Fokus auf intergeschlechtliche Personen in der untenstehenden Infografik – die häufig in Gewalt, einschließlich sexueller Gewalt, münden.
Wenn Sie über GBV unter jungen Menschen nachdenken, sollten Sie auch Statistiken zu Ihrem eigenen Land berücksichtigen. Beispielsweise zeigen Daten aus Italien einen besorgniserregenden Anstieg kontrollierenden Verhaltens – ein Merkmal sogenannter „coercive control“ (siehe unten für eine genauere Erklärung) – das unter jungen Menschen zunehmend über technologische Mittel ausgeübt wird (IPSOS & Save the Children, 2024). Beachten Sie, dass Statistiken von Land zu Land variieren, nicht immer leicht verfügbar sind – insbesondere bei Personen, die von mehreren Diskriminierungsformen gleichzeitig betroffen sind – und niemals die ganze Realität abbilden. Häufig wird von der „Dunkelziffer“ gesprochen, also von Straftaten, die nicht angezeigt und daher nicht erfasst werden. Tatsächlich finden weit mehr Gewalt- und Missbrauchsfälle statt, als offizielle Statistiken erkennen lassen, da viele Betroffene ihre Erfahrungen nicht als Gewalt einordnen oder aus Angst und Scham nicht darüber sprechen.
Zentrale europäische Definitionen erkennen strukturelle Ungleichheiten an und betonen die unverhältnismäßige Betroffenheit von Frauen. Ein grundlegendes Dokument im Bereich der GBV ist die Istanbul-Konvention des Europarats. Die Istanbul-Konvention – offiziell das Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt – ist das einzige rechtlich bindende internationale Abkommen zum Schutz von Personen, insbesondere von Frauen, vor allen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt (Council of Europe, o. J.). Seit ihrer Öffnung zur Unterzeichnung im Jahr 2011 haben nahezu alle Mitgliedstaaten des Europarats sie unterzeichnet oder ratifiziert. Italien, Spanien, Deutschland und die Niederlande haben beide Schritte abgeschlossen und damit ihr Engagement zur Umsetzung der umfassenden Standards auf nationaler Ebene bekräftigt. Dies bedeutet auch, dass nationale Rechtsvorschriften die in der Konvention verwendeten Definitionen von GBV widerspiegeln und entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden. Die Istanbul-Konvention erkennt an, dass Frauen die Hauptbetroffenen von GBV sind, und definiert „geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen“ als Gewalt, die sich gegen eine Frau richtet, weil sie eine Frau ist, oder Frauen unverhältnismäßig betrifft (S. 3). Die RICHTLINIE (EU) 2024/1385 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 14. Mai 2024 zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt greift diese Definitionen auf. Eine weitere hilfreiche Definition stammt von der International Planned Parenthood Federation (2022), die GBV als „jede schädliche Handlung definiert, die gegen den Willen einer Person [und somit ohne ihre Einwilligung] erfolgt und auf Geschlechternormen sowie ungleichen Machtverhältnissen basiert“.
In der Europäischen Union wird GBV sowohl durch nationale Rechts- und Politikdokumente – darunter Strafgesetzbücher, spezielle Gesetzgebungsakte sowie Gleichstellungsstrategien mit Bildungs-, Sensibilisierungs- und weiteren Maßnahmen – als auch auf EU-Ebene adressiert. Sie haben bereits relevante EU-Dokumente wie die Istanbul-Konvention und die Richtlinie zu Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt kennengelernt. Weitere wichtige Rechtsakte sind die Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels, die Opferschutzrichtlinie sowie die Richtlinie zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie. Hinzu kommen politische Dokumente wie die Gleichstellungsstrategie 2020–2025. Auch wenn diese Dokumente komplex sind, ist es wichtig zu wissen, dass sie existieren und eine zentrale Rolle bei der Ausrichtung von Präventions-, Schutz- und Strafverfolgungsmaßnahmen in der EU spielen.
Informationen zu Ihrem nationalen Rechtsrahmen finden Sie unter: Italien: ISTAT. (o. J.). Normativa italiana. In Violenza sulle donne – Statistiche per temi. Istituto Nazionale di Statistica. Abgerufen am 26. Juni 2025 von https://www.istat.it/statistiche-per-temi/focus/violenza-sulle-donne/il-contesto/normativa-italiana/ Griechenland: Generalsekretariat für Gleichstellung und Menschenrechte. (o. J.). Gesetzgebung. Ministerium für sozialen Zusammenhalt und Familie. Abgerufen am 8. Juli 2025 von https://isotita.gr/nomothesia/ Spanien: (o. J.). Delegación del Gobierno contra la Violencia de Género. Normativa. Ministerio de Igualdad. Abgerufen am 21. Juli 2025 von https://violenciagenero.igualdad.gob.es/marconormativo/ Niederlande: Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport. (2023). Combating Gender-Related Violence. Regierung der Niederlande. Abgerufen am 29. Juli von https://www.rijksoverheid.nl/documenten/rapporten/2023/09/22/aanpak-gendergerelateerd-geweld Centraal Bureau voor de Statistiek. (2024). Emancipation Monitor 2024: Socially safe living. Regierung der Niederlande. Abgerufen am 29. Juli von https://longreads.cbs.nl/emancipatiemonitor-2024/sociaal-veilig-leven/
🧷 Einheit 2: Formen von GBV
Verschiedene Formen von GBV verstehen
Geschlechtsspezifische Gewalt tritt in verschiedenen Erscheinungsformen auf, und das Bewusstsein dafür ist entscheidend, um sie besser erkennen zu können. Die Istanbul-Konvention (2011), die Sie in Einheit 1 kennengelernt haben, beschreibt verschiedene Formen von GBV, darunter: körperliche, verbale, psychische, sexuelle und sozioökonomische Gewalt.
1. Körperliche Gewalt Definition: Jede Handlung, die darauf abzielt, einer anderen Person körperlichen Schaden oder Verletzungen zuzufügen. Beispiel: Schlagen, Ohrfeigen, Würgen, Stoßen oder der Einsatz von Waffen gegen eine Person.
2. Verbale Gewalt Definition: Die Verwendung herabwürdigender, demütigender, einschüchternder oder bedrohender Sprache gegenüber einer anderen Person. Beispiel: Beschimpfungen, Anschreien, Drohungen mit Gewalt oder die Stigmatisierung einer Person aufgrund ihres Geschlechts.
3. Psychische Gewalt Definition: Verhaltensweisen, die durch Manipulation, Kontrolle oder Einschüchterung psychischen oder emotionalen Schaden verursachen. Beispiel: Gaslighting („Du bildest dir das nur ein“), die Isolation von Freundinnen/Freunden oder Familie, anhaltende Überwachung oder Drohungen, der Person oder jemandem, der ihr wichtig ist, Schaden zuzufügen.
4. Sexuelle Gewalt Definition: Jede Form nicht einvernehmlicher sexueller Handlungen oder Handlungen zur sexuellen Befriedigung sowie Nötigung oder Ausbeutung in sexuellen Angelegenheiten. Beispiel: Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe, das Erzwingen unerwünschter sexueller Handlungen oder sexuelle Belästigung.
5. Sozioökonomische Gewalt Definition: Handlungen, die den Zugang einer Person zu wirtschaftlichen Ressourcen, Beschäftigung oder sozialer Teilhabe einschränken oder ihre Kontrolle darüber begrenzen. Beispiel: Kontrolle über das Einkommen des Partners/der Partnerin, Verhindern von Arbeit oder Ausbildung/Studium, Einschränkung des Zugangs zur gemeinsamen Wohnung oder Begrenzung der Möglichkeit, Finanzen zu verwalten.
Bitte beachten Sie, dass die obige Liste nicht abschließend ist – so sollte unter sexueller Gewalt z. B. auch reproduktive Gewalt berücksichtigt werden, die mit der Kontrolle und Einschränkung der freien Ausübung reproduktiver Rechte zusammenhängt (z. B. Verhütungsmittel, Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen u. a.). Außerdem schließt eine Form von Gewalt die andere nicht aus. So ist es im Kontext intimer Partnerschaften zunehmend üblich, von „coercive control“ zu sprechen, um ein häufiges Muster von Missbrauch zu beschreiben, bei dem verschiedene Formen von GBV gleichzeitig auftreten und sich überschneiden (Myhill & Hohl, 2019; Macdonald et al., 2024; Tolmie et al., 2023).
Wichtig ist, dass diese Formen von GBV sowohl im privaten und intimen Bereich – zu Hause – als auch im öffentlichen Raum – am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Universität, in einem Jugendzentrum oder auf der Straße – stattfinden können. Täterinnen und Täter können Familienangehörige, aktuelle oder ehemalige Intimpartnerinnen/Intimpartner, Personen, die wir als Freundinnen/Freunde betrachten, Kolleginnen/Kollegen, Vorgesetzte, Bekannte oder auch Fremde sein. Entscheidend ist auch: GBV kann und findet ebenfalls online statt. Angesichts des deutlichen Anstiegs von online ausgeübter GBV spricht man heute häufig von technologiegestützter GBV (oft gegenüber „Online-“ oder „Cybergewalt“ bevorzugt, weil der Begriff betont, dass Technologie als Mittel eingesetzt wird).
Sexuelle Belästigung und Stalking gehören zu den am häufigsten gemeldeten Formen technologiegestützter GBV. Zu den gängigen Taktiken zählen das nicht einvernehmliche Teilen intimer Bilder (bildbasierter sexueller Missbrauch), anhaltende unerwünschte Nachrichten, aufdringliche Anrufe sowie schädliche Beiträge in sozialen Medien. Betroffene können über Kommentarspalten attackiert, mit expliziten Inhalten überflutet oder sogar mittels GPS- und Standortfreigabe-Apps verfolgt werden. Diese Form digitaler Gewalt wirkt häufig über den Bildschirm hinaus und hat auch schwerwiegende Folgen im Offline-Leben. Wichtig ist: Technologie hat bestehende Formen von GBV sowohl verstärkt als auch verschärft, aber auch neue Missbrauchsformen hervorgebracht – etwa Deepfakes. Dabei handelt es sich um manipulierte digitale Inhalte, bei denen Fotos oder Videos einer Person so verändert werden, dass sie sexualisiert erscheinen oder genutzt werden, um die betroffene Person in einer GBV-Dynamik zu bedrohen, einzuschüchtern oder zu demütigen. Deepfakes können auch KI-generierte Bilder von GBV umfassen. Wenn Sie mehr über die verschiedenen Formen technologiegestützter GBV erfahren möchten, sehen Sie sich bitte diese Zusammenfassung auf der Website Violenciadigital sowie das entsprechende Kursmodul zu diesem Thema an.
🕊️ Einheit 3: Warnzeichen erkennen
Warnzeichen von GBV erkennen
Das Erkennen von Warnzeichen geschlechtsspezifischer Gewalt ist ein sehr wichtiger Schritt in der Prävention. Frühe Anzeichen von Missbrauch zu identifizieren, kann entscheidend dazu beitragen, eine Eskalation von Gewalt zu verhindern. Fachkräfte der Jugendarbeit, Lehrkräfte, Beobachtende sowie Gleichaltrige spielen dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig erfordert das Erkennen von Gewalt ein achtsames, respektvolles, informiertes und koordiniertes Vorgehen. Angesichts der Sensibilität des Themas sollten Sie vor einem Eingreifen Rücksprache mit Fachpersonen oder spezialisierten Stellen halten. Dies soll Sie nicht davon abhalten, aktiv zu werden, sondern Sie dazu anregen, zu reflektieren, wie Sie in jeder einzelnen Situation möglichst wirksam intervenieren und potenzielle Nebenwirkungen oder Risiken minimieren können.
Diese Anzeichen sind allgemein gehalten – unterschiedliche Gewaltformen gehen meist mit spezifischen Hinweisen einher. Zudem gibt es kein einzelnes eindeutiges Anzeichen für GBV. Die Besonderheiten jeder Situation und der betroffenen Personen müssen stets berücksichtigt werden.
Achten Sie auch auf Sprache und Überzeugungen, da diese wichtige Warnzeichen für toxische Männlichkeit und die Unterstützung schädlicher Geschlechterstereotype sein können, die Gewalt begünstigen. Die Verwendung misogynistischer, homophober oder transfeindlicher Beleidigungen; Aussagen, die männliche Dominanz normalisieren oder Gewalt rechtfertigen („Sie wollte es doch so“, „Jungs sind eben so“); sowie das Festhalten an Geschlechterstereotypen bezüglich Gefühlsausdruck, Stärke oder Sexualität (Connell, 2005) sind Anzeichen problematischer Männlichkeitsvorstellungen. Toxische bzw. hegemoniale Männlichkeit bezieht sich auf kulturelle Normen, die Männlichkeit mit Dominanz, Unterdrückung von Emotionen und Aggression verbinden (Connell, 2005). Solche Vorstellungen ermutigen Jungen und junge Männer häufig dazu, Empathie abzuwerten, Kontrolle als Stärke zu betrachten und Gewalt mit Macht gleichzusetzen. Bitte beachten Sie, dass wenn solche Überzeugungen von Frauen und Mädchen geäußert werden, dies auf internalisierte patriarchale Normen infolge sozialer Prägung hinweist und ebenfalls durch gezielte Interventionen und Bildungsmaßnahmen thematisiert werden sollte.
Häufige Ausdrucksformen toxischer bzw. hegemonialer Männlichkeit sind die Unterdrückung emotionaler Verletzlichkeit („Sei ein Mann“), die Akzeptanz oder Verherrlichung aggressiven sexuellen Verhaltens sowie Gruppendruck, sich dominanten Verhaltensweisen anzupassen – oft auf Kosten anderer (Connell, 2025).
Das Verbringen von Zeit in Online-Foren, in denen frauenfeindliche Ansichten verbreitet werden, ist ebenfalls eine häufige Ausdrucksform toxischer Männlichkeit und ein Warnzeichen für potenziell missbräuchliches Verhalten. Solche digitalen Räume werden häufig als „Manosphere“ bezeichnet, in denen Nutzerinnen und Nutzer antifeministische und misogynistische Diskurse führen, die oft auf Gefühlen sexueller Anspruchshaltung, männlicher Opfererzählungen und Zurückweisung durch Frauen beruhen (Ging, 2019, S. 639). Viele junge Menschen sind anfällig für sogenannte Incel-Diskurse, wie die Netflix-Dokumentation „Adolescence“ (2025) gezeigt hat. Jugendliche, die solchen Überzeugungen ausgesetzt sind, können entweder Gewalt ausüben (als Täter) oder Schaden internalisieren (als Betroffene oder schweigende Beobachtende).
Geschlechterstereotype begünstigen GBV, indem sie Machtungleichgewichte verstärken, die Schwere von Gewalt gegen Frauen, LGBTIQA+-Personen und Jungen verharmlosen und Betroffene zum Schweigen bringen, die nicht dem Bild des „idealen Opfers“ entsprechen (Our Watch, 2021; WHO, 2021).
📚 Literatur
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